„Siegfried ist der klassische Aussenseiter“

05.09.2016
Erstellt von Jonathan Horstmann

Mit ihrem „Nibelungen Cycle“, einem experimentellen, rund dreistündigen Stummfilm, erwecken die New Yorker Performance-Künstler Kelly Copper (KC) und Pavol Liška (PL) von Nature Theater of Oklahoma den größten deutschen Mythos zu neuem Leben. Im Interview sprechen sie mit Jonathan Horstmann über die Dreharbeiten an Originalschauplätzen im Odenwald, Fritz Lang und ein Wikingerschiff in Worms.


Hierzulande kennt man die Nibelungen vor allem aus dem Deutschunterricht oder aus der Oper. Können Sie als Amerikaner etwas damit anfangen?
KC: Es klingt jetzt schräg, aber die Figuren Siegfried, Kriemhild und Brunhild kamen während meiner Kindheit in einer Bugs-Bunny-Folge vor. Da muss ich zum ersten Mal von den Nibelungen gehört haben. Sie haben es bis in die amerikanische Popkultur geschafft!

Das erklärt aber noch nicht, wieso Sie im Herbst 2015 durch den Odenwald geradelt sind, um den Stoff mit einer Gruppe von Laiendarstellern zu verfilmen.
KC: Nein, aber während wir und unsere Kollegen vom Nature Theater of Oklahoma vor einigen Jahren mit dem Stück „Life and Times“ tourten, fiel uns auf, dass wir keinen unserer Spielorte richtig kennenlernten – geschweige denn die Menschen dort. Bei uns entstand der Wunsch, einmal mit Personen von anderswo zusammenzuarbeiten, statt immer nur vor ihnen aufzutreten. Über einen Bekannten, den Kurator Florian Malzacher, kamen wir mit Thomas Kraus, dem Leiter des Kulturbüros der Metropolregion Rhein-Neckar, in Kontakt. Er wollte mit Matchbox ein Festival erschaffen, in dem es genau darum gehen würde: künstlerisch mit der Öffentlichkeit zu interagieren. Es war sein Vorschlag, dafür die Geschichte der Nibelungen zu bearbeiten, weil sie eng mit der Rhein-Neckar-Region verbandelt ist.

Was interessiert Sie denn an dem Epos?
KC: Zunächst die berühmte Verfilmung von Fritz Lang. Von ihr sind unser Filmprojekt und unsere Art, mit Schauspielern zu arbeiten, grundlegend beeinflusst. Und dann die Figur des Siegfried: Als Fremder im Reich der Burgunden stellt er einen klassischen Außenseiter dar. Pavol ist für dieses Motiv empfänglich, weil er mit 18 Jahren aus der Slowakei nach Amerika übersiedelte.
PL: Siegfried und mich verbindet sozusagen die Erfahrung, in ein anderes Land zu kommen und dort nicht gleich willkommen zu sein. Das war ein interessanter Ausgangspunkt, um sich dem Stoff zu nähern.

Für die dreiwöchigen Dreharbeiten haben Sie sich erneut in ein fremdes Land aufgemacht.
KC: Ja. Dem Dreh ging allerdings eine einjährige Vorbereitungsphase voraus, in der wir uns schon von Amerika aus intensiv mit der Odenwald-Region beschäftigten. Pavol hatte sich Brieffreunde von dort gesucht, die uns jede Woche aus ihrem Leben berichteten. Zeitgleich nahmen wir Deutschstunden am New Yorker Goethe-Institut und schrieben das Drehbuch für unseren ganz eigenen Nibelungenmythos.
PL: Wir waren ja nicht an der bloßen Nacherzählung einer Sage interessiert. Unsere Adaption begreifen wir eher als Dokument einer Ortsrecherche, mit dem die kulturelle Geschichte eines Landstrichs nachgezeichnet wird.

Wie haben Sie Ihre deutschen Schauspieler ausgewählt?
KC: Unsere Darsteller haben eigentlich nur am Rande etwas mit Schauspielerei zu tun. Die Frau, die Kriemhild spielt, arbeitet zum Beispiel in einer Firma für Hörgeräte. Das gefiel uns: Leute, die sich eigentlich anderen Dingen widmen. Mit Unterstützung des Festivalteams verschickten wir einen Aufruf an Schauspielinteressierte aus der Rhein-Neckar-Region. Die Bewerber haben wir später per Skype interviewt und gecastet.

Und dann scharrten Sie alle um sich und fuhren als Großgruppe von einem Ort zum nächsten?
KC: Genau. Wir hatten eine Kernbesetzung von acht Personen, die durchgängig dabei waren. Manche von ihnen opferten ihren kompletten Jahresurlaub für die Dreharbeiten. Andere Darsteller stießen nur zeitweise dazu, je nachdem, wo wir gerade zu tun hatten.
PL: Insgesamt waren hunderte von Leuten mit dem Projekt assoziiert. Sie motivierten, bewirteten und beherbergten uns, sammelten Requisiten. Da wir vorher zehn Jahre lang nur mit professionellen Schauspielern zusammengearbeitet hatten, waren wir zu Beginn unsicher, ob so etwas funktionieren würde. Am Ende war die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten aber unglaublich inspirierend.

War jedes Detail geplant oder haben Sie am Set auch improvisiert?
KC: Bei einigen Ideen in unserem Skript waren wir gar nicht sicher, ob sie realisierbar wären. Unter anderem wollten wir ein Wikingerschiff zeigen, das in einen Sturm auf hoher See gerät. Hier kam uns ein Segelverein mit einem passenden, schwimmfähigen Modell zu Hilfe, während die Feuerwehr von Worms sich dazu bewegen ließ, mit Schläuchen anzurücken und Regen zu simulieren!

Lehnt sich der Stil des Films an irgendwelche Vorbilder an?
PL:
Wir arbeiten immer mit Genres. Diesmal haben wir uns das frühe Kino ausgesucht, D. W. Griffith, die Ästhetik der 1910er-Jahre, Ganzkörpereinstellungen. All das, was noch vor der eigentlichen goldenen Ära des Stummfilms in den 1920er-Jahren kam. Mir gefallen die Restriktionen des Stummfilms, seine einzigartige Möglichkeit, eine Geschichte ausschließlich mit visuellem Vokabular zu erzählen.

Es gibt also keinen Dialog?
KC: Keinen gesprochenen. Wörtliche Rede kommt nur manchmal in Zwischentiteln vor, auf Tonaufnahmen am Set haben wir verzichtet. Später wurden dafür ein paar künstliche Soundeffekte hinzugefügt. Zur musikalischen Untermalung verwenden wir die Originalkomposition aus dem Film von Fritz Lang.

Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
KC: Die endgültige Version bringen wir erst zur Premiere in Mannheim am kommenden Freitag mit. Wir haben in der Postproduktion viel mit dem digitalen Filmformat herumexperimentiert, zum Beispiel was das Farbklima der Bilder angeht.
PL: Unsere künstlerische Arbeit ist am besten, wenn wir nicht absehen können, wie die Leute darauf reagieren werden. Dass wir ein wenig nervös vor der Uraufführung sind, zeigt uns: Der Film wird etwas wirklich Neues und Andersartiges.


Premiere des Stummfilmprojekts Nibelungen Cycle
9. September 2016
Beginn: 19.00 Uhr
Eröffnung von Matchbox 2016: 18.30 Uhr
Schauspielhaus, Nationaltheater Mannheim
Im Anschluss an die Filmvorführung findet die Premierenfeier im Theater Café statt.

Kartenvorverkauf
Karten erhalten Sie online unter www.nationaltheater-mannheim.de oder über das Kartentelefon des Nationaltheaters (0621 1680 150).
Preis: 15 Euro, ermäßigt: 8,50 Euro

Die Uraufführung des Projekts Nibelungen Cycle findet in Kooperation mit dem Nationaltheater Mannheim statt.


Jonathan Horstmann

Ich schreibe, weil es für mich die präziseste Form ist, mich auszudrücken. Während meines Studiums von Religionsphilosophie, Soziologie und Filmwissenschaft in Frankfurt am Main machte ich meine ersten journalistischen Erfahrungen bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; seither bewege ich mich als freier Autor und Filmkritiker quer durch die Bundesrepublik. Die Gedanken, die mir im Kino kommen, notiere ich auf meinem Blog Streifenpolizist.

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