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Repeat the Threepeat

30.03.2021

Wir haben den Autor Akın E. Şipal eingeladen, die digitalen Veranstaltungen von BUILDING CONVERSATION RHEIN-NECKAR zu begleiten. Im Nachgang zu jeder digitalen Conversation wird seine ganz persönliche Reflexion über die Teilnahme am Gespräch hier im Blog zu lesen sein.

In "Repeat the Threepeat" geht es um das Unmögliche Gespräch über Wahrheit vom 25. März 2021. 

Repeat the Threepeat

Wenn ich schreibe, denke ich zwangsläufig hin und wieder über Strukturen nach, dabei komme ich wieder und wieder zum Urteil, dass die beste Struktur eine ist, die einfacher aussieht, als sie ist. Natürlich verwerfe ich das Urteil nach einiger Zeit und durchlaufe den ganzen Prozess von vorne. Um am Ende vielleicht zu einem anderen Urteil zu gelangen. Aber ich kann sagen, dass ich immer mal wieder felsenfest davon überzeugt bin, dass die beste Struktur einfacher aussieht, als sie ist. Damit wiederhole ich mich. Aber Wiederholungen können zum Beispiel Teil einer solchen Struktur sein, die einfacher aussieht, als sie ist. Die Struktur der unmöglichen Gespräche ist eine solche Struktur. Eine Struktur, die einfacher aussieht, als sie ist. Zum Beispiel vorvorgestern, als ich an einem solchen unmöglichen Gespräch teilgenommen habe, dem unmöglichen Gespräch über Wahrheit, wurde mir klar, wie viel mehr Komplexität ihre Struktur ermöglicht oder zulässt, als man beim ersten Blick auf sie vermuten würde. Um das zu begreifen, habe ich immerhin vier unmögliche Gespräche mitmachen müssen. Vier Wiederholungen, um zu begreifen, was abgeht. Dass man vier Wiederholungen braucht, um etwas zu verstehen, ist keine Schande, denke ich. Vor allem nicht, wenn ich an Basketballer*innen denke, die am Tag wer weiß wie viele Körbe werfen und manchmal trotzdem so aussehen, als würden sie an ihrem Basketballverständnis zweifeln. Interessant ist ja, dass wir — wenn wir glauben etwas verstanden zu haben — dazu neigen weniger schwer nachzudenken: auf einmal denken wir anders, wir denken eher vor, als nach, wir reflektieren weniger, spüren mehr die Geschwindigkeit der Praxis. Man macht einfach, spürt, dass man richtig liegt, man hat das Gefühl, genug gedacht zu haben, die Praxis ruft, Automatismen greifen … Zugegeben, ich bin etwas abgedriftet — es wird hoffentlich nicht umsonst gewesen sein; vertrauen Sie mir. Ich wiederhole mich.

Das unmögliche Gespräch über Wahrheit besteht, wie auch die anderen unmöglichen Gespräche, aus einem Dreischritt.

Der erste Schritt besteht aus (Auf-)Schreiben, Vorlesen und Zuhören. Der zweite Schritt besteht aus (Auf-)Schreiben, Vorlesen und Zuhören. Diese beiden ersten scheinbar identischen Schritte unterscheiden sich darin, dass der zweite Schritt den ersten voraussetzt: während das erste (Auf-)Schreiben einer Erinnerung aus dem Leben der Teilnehmenden vor der Performance gilt, so gilt das (Auf-)Schreiben im nächsten Schritt den Beiträgen, die von den Teilnehmenden im ersten Schritt vorgelesen wurden. Das klingt vielleicht kompliziert, aber es ist ja ganz einfach. Sehen Sie selbst:

1.: (Auf-)Schreiben, Vorlesen und Zuhören

2.: (Auf-)Schreiben, Vorlesen und Zuhören

Total einfach, oder? Einfach: copy&paste … oder: — ich habe versprochen mich zu wiederholen — eine Wiederholung. Fast ein bisschen zu einfach für eine Struktur, würde man denken, aber das denkt man nur, wenn man von außen drauf schaut. Ich erinnere mich, wie ich mal gedacht habe: das ist aber ein bisschen einfach, im Sinne von „nicht ausgefeilt genug“. Aber man macht sich ja keine Vorstellung, was diese Schritte im Einzelnen bedeuten. Schreiben Sie mal einfach drauf los über eine Erinnerung, möglichst detailliert, dann hören Sie zu und dann sollen Sie noch einmal einfach drauf los schreiben, dabei ist Ihnen freigestellt auf welchen Beitrag der Teilnehmenden Sie sich beziehen, ob auf mehrere oder wirklich nur einen, oder ob Sie sich direkt an eine Art Metaanalyse wagen und Strukturen sichtbar zu machen versuchen, Regelmäßigkeiten, Wiederholungen vielleicht, die sie in der Fülle der Beiträge beobachtet zu haben glauben. Das klingt vielleicht wieder ein bisschen kompliziert, um mich nicht immer zu wiederholen, sage ich jetzt einfach mal „umständlich“ statt „kompliziert“, aber ich sage Ihnen, wenn Sie mir vertraut haben, werde ich Ihnen dieses Vertrauen jetzt gleich zurückzahlen. Sehen Sie sich den dritten Schritt an, bitte … schauen Sie nur:

3.: Gespräch

Haben Sie so eine Einfachheit schon mal irgendwo anders gesehen? Ich meine, all das Geschwurbel, um am Ende bei einem Gespräch rauszukommen. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie kommen an einen Punkt, an dem Sie sich einen Basketball schnappen, ganz entspannt zu einem Korb gehen und von der Dreierlinie einfach mal zehn Dreier hintereinander versenken und dabei vielleicht an Frühling denken, vielleicht daran, dass sie bald geimpft werden oder nicht, aber keine Sekunde denken Sie dabei an Basketball und daran, dass sie verstanden haben könnten, wie der Wurf funktioniert, in welchem verdammten Winkel Ihres gestreckten Armes der Ball ihre Fingerspitzen gen Korb verlassen muss. Es ist so einfach.

Wenn Sie jetzt aufhören werden diesen Text zu lesen, weil Sie an sein Ende gelangt sein werden, stehen Sie vielleicht auf und trinken einen Schluck Wasser. Ich verspreche Ihnen, Sie werden für einen Moment ganz frei sein.

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