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Lebendige Lügen

15.02.2021

Wir haben den Autor Akın E. Şipal eingeladen, die digitalen Veranstaltungen von BUILDING CONVERSATION RHEIN-NECKAR zu begleiten. Im Nachgang zu jeder digitalen Conversation wird seine ganz persönliche Reflexion über die Teilnahme am Gespräch hier im Blog zu lesen sein.

In "Lebendige Lügen" geht es um das Unmögliche Gespräch über Lügen vom 28. Januar 2021. 

Lebendige Lügen

Am Schreibtisch, zwei weiße Din-A4-Seiten vor mir, ein gespitzter Bleistift. Ich spüre einen Hauch von Angst. Das Ganze könnte eine Prüfung sein. Ich sehe das Wort Performance und entdecke jetzt gerade, dass es auch Leistung oder Leistungsfähigkeit bedeutet. Wenn wir Teilnehmende (kann ich mich auf dieses wir zurückziehen?) etwas schreiben müssen, und es sieht ganz danach aus, werde ich nicht zu Höchstform auflaufen können; ich werde überhaupt erst wieder zu meiner Unbeschwertheit aufschließen müssen, die mir durch meine Reflexion entwischt ist … Man sollte nicht zu früh in Zoom-Meetings einsteigen, sage ich mir. Aber das hier ist eine Performance. Ich fürchte, sie ist schon losgegangen. Mein Gefühl, von den eigenen vier Wänden schützend umgeben zu sein, hat sich jedenfalls schon verflüchtigt; da klafft eine Lücke auf dem Bildschirm, ein Leck, durch das es zieht — wie ungemütlich! Natürlich übertreibe ich. Um den am digitalen Horizont aufziehenden Kontrollverlust zu kompensieren vielleicht. Ich freue mich auch, jedenfalls erlege ich mir diesen Gedanken auf. Ich versuche zu denken, hey, gleich gehts los, das unmögliche Gespräch über Lügen. Dann geht es los. Die anderen Teilnehmenden lenken mich ab, sie sprechen, ihre Gesichter sind in Bewegung, Haare, Lippen, Augenlider. Sie bewegen sich zu viel, als dass ich mich weiter nur auf mich selbst konzentrieren könnte. Wie schön, lebendig! Ich denke, wenn ich mich blamiere, dann wenigstens vor Menschen. Eine Situation, in der ich von einer anderen Person getäuscht wurde oder eine andere Person getäuscht habe? Die Frage gefällt mir, ich lasse mich zurückfallen, Orte tauchen auf, an denen ich Menschen belogen habe: ein Tisch unter dem ich mit einem Freund sitze z.B., unsere Eltern über uns. Dann ein Tennisplatz an dessen Rand, auf einer weißen Plastikbank meine Freundin sitzt. Es sind Kindheits- und Jugenderinnerungen, meine Lügen von damals habe ich über die Zeit liebgewonnen. Und die Lügen von heute? Als sich herausstellt, dass auch andere Teilnehmende auf Lügen ihrer Kindheit zu sprechen kommen, atme ich auf. Jetzt bin ich nicht mehr alleine. Ich halte mich für einen ausgesprochen schlechten Lügner; mein Puls geht keine Lügen mit, denke ich und muss feststellen, dass ich mir selbst nicht glaube. Aber wieso jetzt — und vor Unbekannten! — mit der komplizierten Wahrheit aufwarten? Überhaupt enteilt die Lüge wohl oder übel jedem Versuch sie zu definieren; die Lüge lebt, sie mag in ihrer negativsten Definition ein asoziales Monster sein, aber selbst als asoziales Monster bleibt ihre Profession das Soziale, die Beziehung. Die Lüge als soziales Pfefferspray ... meine ganz persönliche Definition oder Maxime — ich setze sie zur Selbstverteidigung ein. Das klingt nicht schlecht, aber wer wird mir das bitte glauben? Das unmögliche Gespräch über Lügen ist absolut unmöglich (denke ich, während es Fahrt aufnimmt), weil die echte Lüge davon zehrt, dass sie unerkannt bleibt. Die echte eigentliche Lüge ist ein dreckiges Geschäft, über das man nicht redet, denn das würde das Erreichen des Ziels gefährden, das es einem Wert gewesen schien, mit einem „Akt aktiver Manipulation“ (so die Defintion des Gesprächsguides) die eigene moralische Integrität zu beschädigen. Ich befinde mich mitten in einem unecht echten Gespräch (alles nur Einsen und Nullen und Lügen) an dem ich mich — alles andere wäre gelogen — genussvoll beteilige, ohne dass es meinem munteren Selbstgespräch Abbruch tun würde. So einfach ist das nicht: ein anderes Problem am Lügen ist, dass sich Lügende nicht immer im Klaren sind, dass sie lügen … Lüge und schlechtes Gewissen führen bestimmt eine komplizierte Beziehung, denke ich und stelle mir ein streitendes Paar vor. Ein weites Feld, als ich das sage, denke ich, dass solche Fertigbausätze letztlich auch süße Lügen im Dienst der Gemütlichkeit sind. Ein unmögliches Gespräch, als Raum mit unausgesprochenen, aber verbindlichen Regeln, da ist was dran … Unbefriedigend, aber freundlich. Kritisch, aber ungenau. So sehe ich hier meine Rolle. Auch wenn wir die ganze Zeit gelogen haben sollten, ist ein nicht-Gespräch nicht unbedingt weniger gelogen. Die sogenannte eigene Welt, die nicht berücksichtigen kann, dass alle Anderen auch noch eine solche mit sich rumschleppen, ist eine beinahe kriminelle Riesenlüge. Aber wer bin ich, dass ich das sage, als ich den Laptop zuklappe und glaube, dass mir jetzt niemand mehr auf die Spur kommt.

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