Der sanftmütige Unruhestifter

14.10.2016

Mit Kunst gesellschaftliche Probleme lösen? Für Darren O’Donnell ist das keine Wunschvorstellung. Mit seinen Projekten macht der Kanadier Tabus zum Thema und geht an seine eigenen Grenzen – mit Erfolg. Für Matchbox verantwortet er „Hemsbach Protocol“.

Will ganz in die Welt anderer eintauchen: Darren O'Donnell © Lisa Wazulin
© Mammalian Diving Reflex

Offen und freundlich strahlen blaue Augen durch die Gläser der großen hellbraunen Brille, so als wollten sie sagen: „Du kannst mir vertrauen.“ Dazu Fältchen um die Augenwinkel und ein weißgrauer Dreitagebart, der das schüchterne Lächeln leicht pelzig wirken lässt. Darren O’Donnell, 51 Jahre alt, ist ein unscheinbarer Typ. Er spricht nicht gerne über sich selbst, denn es gibt Wichtigeres: zum Beispiel das Schicksal der anderen. Die anderen, das sind zurzeit Geflüchtete aus Kurdistan, Gambia, Mazedonien oder Syrien. Aber auch Kinder von asiatischen Immigranten. Randgruppen, die auf den ersten Blick nirgendwo dazu passten, so beschreibt sie der Kanadier. Der Künstler, Autor und Schauspieler versteht sich selbst als ethnografischer Forscher. „Ich will ganz in die Welt der anderen eintauchen. Denn wer Probleme lösen will, der muss sie miterleben“, sagt er.

Als Leiter des Künstlerkollektives „Mammalian Diving Reflex“ hat er schon viele Projekte in seiner Heimat, in London oder in Pakistan umgesetzt. Nun dient das 12.000 Einwohner zählende Hemsbach, mitten in Deutschland, dem Autor als Bühne: Was passiert, wenn Künstler in eine Stadt kommen, um dort plötzlich mit Flüchtlingen Kunst zu machen? Genau das will O’Donnell herausfinden – und so zog der unscheinbare, sanftmütige Künstler für drei Wochen in die Flüchtlingsunterkunft Luisenhof in Hemsbach.

 

„Eigentlich war es wie in einem Studentenwohnheim mit einem Haufen 20-Jähriger“, erinnert er sich. Mit zwei Koffern und dem 19-jährigen Tenzin Chozin als Assistenten im Gepäck, steht O’Donnell an einem heißen Nachmittag im August 2015 vor der Unterkunft. Es ist der Auftakt eines zweijährigen Experiments, das O’Donnell mit seinem Team durchführen will. Das den zurückhaltenden Autor bald an seine Grenzen bringen wird. Dabei weiß er längst um die Tücken, die die Arbeit mit Flüchtlingen mit sich bringt: Anstatt sie für ihre Mitarbeit zu bezahlen, lädt er die Geflüchteten unzählige Male zum Essen ein. „Gemeinsam essen schafft nicht nur Vertrauen, sondern ist auch unsere Art, sie zu entschädigen“, erklärt er. Denn Geld verdienen dürfen die Geflüchteten nur, wenn die Tätigkeit den strengen Auflagen der Behörden entspricht – das soll Ausbeutung verhindern.

Schnell fassen die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Vertrauen zu den beiden Neuankömmlingen und schließen besonders den jungen Tenzin ins Herz. Denn dieser „Mammalian“ teilt ein ähnliches Schicksal wie die Geflüchteten in Hemsbach: Geboren in Tibet, ist er als Teenager mit der Mutter nach Nepal und von dort nach Kanada geflüchtet. Als einmal ein Streit eskaliert, zücken zwei Flüchtlinge ihre Messer, und Tenzin ist mittendrin. Zwar entschärft sich die Situation wieder; sie weckt aber bei O‘Donnell große Zweifel. „Ich habe mir schwere Vorwürfe gemacht, dieses 19-jährige Kind hierher geholt zu haben“, sagt der sensible Künstler. Seine sanfte Stimme verliert sich fast; schuldbewusst und traurig blicken seine sonst freundlichen Augen in die Ferne.

"Wenn die Geflüchteten nicht mehr zu uns kommen, haben wir alles richtig gemacht."

Aber warum das Ganze? Mit dem Prinzip „social acupuncture“, also „soziale Akupunktur“, setzt O‘Donnell an wunden Punkten der Gesellschaft an. Mit Kunstaktionen will er nicht nur auf Probleme aufmerksam machen, sondern sie auch lösen. Für Hemsbach und die Flüchtlinge hat sich der Künstler deshalb ein klares Ziel gesetzt: „Wenn sie nicht mehr zu uns kommen, weil sie beschäftigt sind, haben wir alles richtig gemacht“, erklärt er das Paradoxon. So stirbt das Projekt durch seinen Erfolg und beweist damit, dass Kultur Türen öffnen kann. „Im Idealfall arbeiten manche Flüchtlinge später weiter mit uns zusammen, so wie Tenzin“, hofft O’Donnell. Der junge Tibetaner bedeutet ihm viel. Er ist einer von 15 Jugendlichen, die O‘Donnell nachhaltig verändert haben. Denn der 51-Jährige, der mittlerweile für die Gemeinschaft in Hemsbach der kreative Motor ist, war nicht immer so zurückhaltend und selbstlos. „Ich war total in der Kunstszene gefangen, habe gekokst und zu viel getrunken. Alles hat sich damals nur um Kunst gedreht“, erzählt er leise. Von dieser wilden Zeit sind nur noch zwei farbige kleine Kreise, tätowiert auf beiden Handgelenken, geblieben.

Die Gruppe steht für Darren O'Donnell im Fokus. © Mammalian Diving Reflex

Ausgerechnet ein Kunstprojekt an der Parkdale Public School in Toronto bringt den Kreativen mit der Welt sozial schwacher Kinder in Kontakt. „Sie waren einfach viel interessanter als meine ganzen Künstlerfreunde“, erinnert er sich. O’Donnell will die Kinder näher kennen lernen und ihnen helfen, in der kanadischen Gesellschaft anzukommen. Er möchte, dass die Jugendlichen Kunst erleben, und nimmt sie mit zu Kunstausstellungen, zu Partys seiner Künstlerfreunde und katapultiert die jungen Außenseiter so mitten in die Kunstszene.

Anstatt selbst im Mittelpunkt zu stehen, rückt er die Gruppe in den Fokus. Diese behandelt der alleinlebende Kanadier wie seine eigene Familie und ist Vaterfigur und Freund zugleich. „Hier geht es nicht um mich. Meine Anwesenheit hält nur den Teamgeist am Leben“, erklärt er seine Rolle. Als Unruhestifter veranstaltet er mit seinen Gruppen Kunstaktionen, die irritieren und auf Probleme aufmerksam machen. Dieses Konzept hat der Kanadier mittlerweile weltweit und auch in Hemsbach erfolgreich angewendet.
Und wie geht es weiter? Den Forscher interessieren besonders Gesellschaften, die nach Naturkatastrophen versuchen, zurück in den Alltag zu finden. „Mit der Kunst möchte ich ihnen helfen, ihr Leben wieder zu normalisieren“, kündigt er leise, aber bestimmt an.


Hemsbach Protocol
16.10.2016
Offene Welt, Theater im Pfalzbau Ludwigshafen
17.00 Uhr
Preis: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Weitere Informationen

Hemsbach Protocol ist ein Projekt von Matchbox und Mammalian Diving Reflex in Zusammenarbeit mit der Stadt Hemsbach, dem Rhein-Neckar-Kreis sowie dem BürgerschaftlichenIntergrationsProjekt BIP.



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